Achtsamkeit

Achtsamkeit und Mitgefühl

Mindfulness

"Sati" wurde ins Englische mit dem Begriff "Mindfulness" übersetzt und begegnet uns u.a. im Sinne von "having in mind" (im Kopf haben) (Webster`s Dictionary).

Eine andere Definition von „Mindfulness“ betont den Aspekt der Verantwortung: "... the trait of staying aware of (...) your responsibilities" – übersetzt ins Deutsche: "das Persönlichkeitsmerkmal, sich seiner Verantwortung bewusst zu sein." (Internet-Hyperdictionary)

Das bei Roget’s Thesaurus gefundene Synonym „Caring“, im Sinne von „Fürsorge walten lassen“, erscheint uns für unsere Praxis des Lehrens und Lernens besonders wichtig, verweist dieser Begriff doch auf ein essentielles mit Achtsamkeit verbundenes Merkmal, das Mitgefühl.

Bedeutung von Mitgefühl in der Achtsamkeitspraxis

Achtsamkeit ohne Mitgefühl für sich selbst und andere zu praktizieren, erscheint uns wenig sinnvoll. In all unseren Trainings und Aktivitäten soll deshalb achtsames Bewusstsein auf eine Weise gelehrt und praktiziert werden, die Freude und Gefühle der Verbundenheit generiert.

Die Entwicklung von Herzensqualitäten wie Gleichmut, Wohlwollen, Fürsorglichkeit und bedingungsloser Zuwendung für sich selbst und alle Wesen soll gleichzeitig Weg und Ziel unserer Bemühungen sein.

Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl

Selbst-Mitgefühl (Self-Compassion) ist eine Haltung, die vielen Menschen auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen mag und darf auf keinen Fall mit Egozentrik verwechselt werden. Sie steht einer kalten, oft harten selbstkritischen Haltung entgegen, die wir oft über Jahrzehnte und aus alter Gewohnheit heraus uns selbst zumuten. In der Meinung, uns nur so erfolgreich wappnen und behaupten zu können, ist sie in Wahrheit die Ursache einer Vielzahl von psychischen Erkrankungen und Problemen wie Selbstwertstörungen, Depressionen oder Burn Out.

"Achtsamkeit zu lernen fördert das Selbstmitgefühl, aber auch die beiden anderen Komponenten des Selbstmitgefühls, Selbstfreundlichkeit und das Gefühl der Verbundenheit mit anderen, verbessern unsere Fähigkeit, achtsam zu sein, sodass ein positiver, sich selbst verstärkender Kreislauf entsteht. (…) In der Forschungsliteratur findet man immer wieder die Bestätigung dafür, dass Menschen mit mehr Selbstmitgefühl in der Regel weniger ängstlich sind und seltener unter Depression leiden als andere." (Kristin Neff, Selbstmitgefühl, 2012)

Oder wie Gandhi schon sinngemäß sagte: Selbst-Mitgefühl zu entwickeln, kann uns helfen, selbst zum Wandel zu werden, den wir in der Welt sehen wollen.

Entwicklung muss demnach nicht vorwiegend über leidvolle Erfahrung oder Verzicht geschehen. Auch der historische Buddha lehrte, dass der "Weg der Mitte" und nicht jener der Kasteiung zum Ziel führt. Natürlich ist Selbst-Mitgefühl nicht mit Selbstgefälligkeit im Sinne von „sich etwas schön reden“ zu verwechseln. Noch weniger ist sie ein Freibrief für Bequemlichkeit.

Selbst-Mitgefühl fördert Milde und freundliche Nachsicht statt Strenge und Selbstverurteilung. Selbst-Mitgefühl ist hilfreich, wenn wir an Krankheit oder seelischen Schmerzen leiden und schafft die Voraussetzung, dass wir Leiden als Phänomen überhaupt anerkennen und erfolgreich bewältigen können.

Selbst-Mitgefühl zu praktizieren, ist schließlich eine Übung im Umgang mit Grenzen. Einerseits stärkt sie das Bewusstsein, dass das Setzen von Grenzen ein konstruktiver, beschützender Akt sein kann („Nein Sagen“ zu anderen kann so als "Ja Sagen" zu sich selbst verstanden werden). Andererseits lehrt sie die lebenswichtige Fähigkeit, die eigenen Grenzen anzuerkennen. Das sind im besonderen die „Grenzen des Machbaren“, "die Grenzen des Verfügbaren" und die "Grenzen der Veränderungsbereitschaft oder –fähigkeit", wie Luise Reddemann sagt.